Zwei Frauen, zwei Männer, Anarchomilieu – Durchbruch auf der Suche nach den Saboteuren
Die Fahnder haben mehrere mutmaßliche Täter im Visier. Eine Rolle spielt das linksextreme Berliner Szeneobjekt schlechthin: die Rigaer Straße 94. Zugreifen wollen die Ermittler erst, wenn der Moment dafür stimmt.
Anfang des Jahres reagierten Verantwortliche deutscher Sicherheitsbehörden auf Fragen zu den Brandanschlägen auf die Berliner Stromversorgung vor allem mit gereizter Ratlosigkeit. Der politische Druck war enorm. Bundeskriminalamt und Generalbundesanwalt lobten eine Millionensumme für Hinweise aus, Einsatzgruppen schwärmten aus. Doch der Ertrag blieb zunächst mager.
Gerichtsfeste Beweise fehlten, Festnahmen blieben aus. Gleichzeitig riss die Serie von Attacken auf Bahnschienen, Strommasten und Verteilerkästen in der Republik nicht ab. Die groß angekündigte Offensive gegen die Sabotage-Täter drohte zu versanden.
Seit einigen Wochen jedoch hat sich die Stimmung gedreht. „Die Verantwortlichen in den Sicherheitsbehörden laufen mittlerweile erleichtert durch das politische Berlin, weil sie einen Durchbruch erzielt haben“, sagt einer, der mit den Ermittlungen vertraut ist. Recherchen von WELT AM SONNTAG zeigen nun: Die Behörden haben mehrere mutmaßliche Täter im Visier. Zugreifen wollen sie offenbar erst, wenn der Moment dafür aus ihrer Sicht stimmt. Denn die Verdächtigen setzen sich mit allen juristischen Mitteln zur Wehr.
Den Informationen zufolge sind die Ermittler überzeugt, der Aufklärung der Brandanschläge entscheidend nähergekommen zu sein. Im Zentrum stehen zwei Angriffe, die die Hauptstadt binnen weniger Monate erschütterten: Da war zunächst der Anschlag im September 2025 auf den größten europäischen Technologiepark in Adlershof. Dann im Januar dieses Jahres der weitaus bekanntere Angriff im Berliner Südwesten, der rund 100.000 Menschen ohne Strom zurückließ und den Regierenden Bürgermeister Kai Wegner (CDU) letztlich seine politische Zukunft kostete. Noch laufen die Ermittlungen in getrennten Verfahren. Doch in Sicherheitskreisen geht man inzwischen davon aus, dass sich die Mitglieder der beteiligten Sabotagezellen jeweils kennen.
Linksextreme Anschläge auf Infrastruktur und Energieversorgung haben in Deutschland seit rund 15 Jahren Konjunktur. 2011 bekannten sich erstmals sogenannte Vulkangruppen zu einem Brandanschlag auf die Berliner S-Bahn. Seither rechnen Sicherheitsbehörden diesem Milieu mindestens 13 Anschläge zu – auch den Anschlag auf die Berliner Strominfrastruktur im Januar. Ende März schlug der Staat zurück. In einer Großrazzia durchsuchten 500 Polizeibeamte zeitgleich 15 Objekte in Berlin sowie weitere Adressen in Hamburg, Düsseldorf und Brandenburg.
Die Ermittler stellten bei den Durchsuchungen unter anderem Mobiltelefone, Laptops, Unterlagen und weitere elektronische Speichermedien sicher. Die Ermittlungen richteten sich damals schon gegen vier Beschuldigte im Alter von inzwischen 28, 31, 35 und 36 Jahren. Ihnen wird vorgeworfen, am ersten Brandanschlag im September 2025 beteiligt gewesen zu sein. Mit der bundesweiten Razzia im März habe man der linksextremistischen Sabotageszene einen empfindlichen Schlag versetzt, heißt es heute aus Ermittlerkreisen.
Im Fokus der Ermittler stehen nach Informationen von WELT AM SONNTAG die szenebekannten Linksextremisten N., H., S. und S. Eine Gruppe, bestehend aus zwei Männern und zwei Frauen. N. war vor seinem Umzug nach Berlin bereits Gegenstand von Ermittlungen der Generalstaatsanwaltschaft München. Dort wurde er zum Herausgeberkreis des anarchistischen Magazins „Zündlappen“ gezählt, das immer wieder Anleitungen für Sabotageakte sowie Bekennerschreiben veröffentlichte.
N. war im Umfeld der anarchistischen Bibliothek Frevel aktiv, die 2022 von Polizisten durchsucht wurde, ehe ihr Mietvertrag gekündigt wurde. Auch mehrere Brandanschläge rechnen die Ermittler Personen aus dem „Zündlappen“-Umfeld zu. Im Falle von N. jedoch fehlte es an stichhaltigen Beweisen. Das Landgericht München lehnte eine Anklage im Dezember 2025 ab. N. zog bereits 2024 nach Berlin um. Möglicherweise auch, um sich den bayerischen Ermittlern zu entziehen.
In Berlin fand der Mann direkt Anschluss. Hier soll er sich laut Angaben aus Sicherheitskreisen in der anarchistischen Bibliothek Kalabalik engagiert haben. Dort traf er demnach die späteren Mitverdächtigen H. und S. Die Verdächtige H. lebte mindestens zeitweise im linksextremen Szeneobjekt schlechthin: in der Rigaer Straße 94. Einer ihrer Mitbewohner war der vierte Verdächtige S.
Das war Material, auf das Geheimdienste stolz wären
Schmiedete das Quartett schon wenig später die ersten gemeinsamen Sabotage-Pläne? Zumindest scheint sich die Szene auf mögliche Ermittlungen vorbereitet zu haben. Bei ihrer Großrazzia im März dieses Jahres fanden Polizisten elektronische Geräte zur Detektion von Kameras, Wanzen und Mikrofonen. „Das war Material, auf das Geheimdienste stolz wären“, sagte ein Insider.
Der Anwalt einer Beschuldigten wies die Vorwürfe auf Anfrage zurück: Die Ermittlungsakte ergebe keine hinreichenden Anhaltspunkte für eine „strafbare Beteiligung“ der Mandantin. Es gebe Ermittlungsergebnisse, die „sehr deutlich dafür sprechen, dass sie sich zur Tatzeit in erheblicher Entfernung vom Tatort aufgehalten hat“. Ermittler scheinen das anders zu bewerten.
Der Präsident des Bundeskriminalamts (BKA), Holger Münch, sagte auf die Frage, wie nah seine Ermittler den Sabotagenetzwerken seien: „Nach der Auslobung der Belohnung von einer Million Euro haben wir viele Hinweise erhalten. Einige waren so werthaltig, dass wir ihnen bis heute intensiv nachgehen.“
Bleibt die zentrale Frage: Warum greift der Staat nicht zu? Nach Informationen von WELT AM SONNTAG liegt die Antwort auch in einem juristischen Tauziehen hinter den Kulissen. Die Betroffenen der Razzia im März haben demnach Rechtsmittel gegen die Durchsuchungsbeschlüsse sowie gegen die vorläufige Sicherstellung von Datenträgern eingelegt. Über die Widersprüche hat die Justiz bislang nicht entschieden.
Die Generalstaatsanwaltschaft Berlin bestätigte diesen Vorgang auf Anfrage. Die nun eingelegten Rechtsmittel hätten allerdings keine aufschiebende Wirkung, sodass die Ermittler die bei der Razzia sichergestellten Mobiltelefone, Laptops und weiteren Datenträger weiter auswerten dürften. Aus Ermittlerkreisen wird dieser Darstellung widersprochen: Das BKA könne aktuell nicht auf die Daten zugreifen. Offiziell äußern sich die beteiligten Ermittlungsbehörden zu dem Widerspruch derzeit nicht.
Die Ermittler gehen davon aus, dass die Berliner Verdächtigen mittlerweile ahnen, dass sie rund um die Uhr im Visier der Behörden stehen. Dennoch scheint die bundesweite Szene den Kampf weiterzuführen: Im Juni brannte es in einem Umspannwerk in Reutlingen, dazu kommen Angriffe etwa im bayerischen Regensburg oder am Freitag vergangener Woche Brandsätze an der Bahnstrecke Köln-Düsseldorf.
Auch im Verfahren zum Anschlag vom Januar, dem größten Stromausfall der Nachkriegszeit, verfolgt das Bundeskriminalamt nach Informationen von WELT AM SONNTAG inzwischen hochkarätige Spuren. Um die Ermittlungen nicht zu gefährden, wird hier auf die Nennung von Namen oder weiteren Einzelheiten verzichtet. Klar ist: Auch hier stehen konkrete Tatverdächtige im Visier.
Von Alexander Dinger, Lennart Pfahler, Philipp Woldin
Alexander Dinger ist Ressortleiter Investigation und Reportage bei WELT.
Lennart Pfahler ist Redakteur im Ressort Investigation & Reportage.
Korrespondent Philipp Woldin kümmert sich bei WELT vor allem um Themen der inneren Sicherheit sowie Migration und berichtet über das Bundesinnenministerium.
passiert am 18.07.2026